Nette Begegnungen

Lou Thomas

Freitag 4 November 2022

Bildnachweis: John Reeg

Lou Thomas hat durch ihre zahlreichen Reisen nach Japan, Mexiko oder Marokko eine Vorliebe für künstlerisches Savoir-faire und traditionelle Handwerkskunst entwickelt. Schon mit zehn Jahren liebte sie es zu töpfern und 2018 machte sie das Gestalten mit Ton schließlich zu ihrem Beruf und gründete das Label Simone Loo Ceramics. In ihrem neuen Atelier, das sich in einem historischen Gebäude in der Nähe des autonomen Hafens von Marseille befindet, entwirft und formt sie Keramikobjekte, die von den verschiedenen Techniken inspiriert sind, die sie auf ihren Reisen entdecken konnte, aber auch von exklusiven Kooperationen mit Chefköchen, die sie als Dialog zwischen zwei Formen der Handwerkskunst versteht.

Wie kamst Du zum Töpfern?

Als ich klein war, liebte ich es, meine Hände in Ton oder Teig zu stecken. Dieses Gefühl hat mich geprägt. Mit 10 Jahren habe ich einen Töpferkurs belegt. Als Teenager habe ich erstmal alles aufgegeben, um mich einer anderen Leidenschaft zu widmen. Ich habe in Paris Marketing mit Schwerpunkt Mode und Design studiert. 2017, während einer Japanreise, habe ich dann den Ton wiederentdeckt. Das japanische Kunsthandwerk, die Traditionen, ihre so schönen und landestypischen Techniken haben mich fasziniert. Zu Weihnachten 2018 schenkte mir mein Bruder Robin einen Modellierkurs und seitdem habe ich nie mehr mit dem Modellieren aufgehört.

Deine Serie Mexicaine, die aus Tellern und Vasen mit kleinen Henkeln aus schamottiertem Steinzeug besteht, ist vom lokalen mexikanischen Kunsthandwerk inspiriert. Welche Erinnerungen und Erkenntnisse hast Du von Deinem Aufenthalt in Oaxaca mitgebracht?

Es war wie aus der Zeit gefallen. Ich wurde damals von Corinne Aivazian kontaktiert, die mir einen zweimonatigen Aufenthalt bei Terra Co. anbot. Ich wohnte dort in einer kleinen Cabaña inmitten der Berge. Wenn ich nicht gerade im Atelier arbeitete, war ich bei den Maestras, um ihre althergebrachten Techniken zu entdecken und mich mit dem Ton und seinen verschiedenen Texturen vertraut zu machen... Nach meiner Künstlerresidenz ließ ich mich, zusammen mit meinem Bruder Bruce, an der Pazifikküste in einem sehr kleinen Fischerdorf nieder. Wir sind dort etwa drei Monate geblieben. Ich habe mir Lehm besorgt und mir in einer paradiesischen Umgebung ein Atelier eingerichtet. Dort sind viele Prototypen entstanden, die sich heute in meinen Kollektionen wiederfinden. Da ich meine Stücke dort nicht brennen konnte, habe ich sie wieder verknetet und von vorne begonnen. Heute erkenne ich darin einen schönen Prozess: Erde, die wieder zu Erde wird.

      Du arbeitest auch regelmäßig mit Restaurants zusammen, für die Du Objekte entwirfst, die zu ihrer Küche passen. Kannst Du uns etwas über den kreativen Schaffensprozess erzählen, der solchen Projekten zugrunde liegt?

      Alles beginnt mit einem ersten Treffen, einer Unterhaltung, einem Austausch von Inspirationen, Know-how und technischen Fertigkeiten. Daraus entsteht dann eine ganz neue, exklusive Kollektion, die zwischen zwei Handwerkern mit unterschiedlichen, aber sich ergänzenden Welten erdacht wurde. Der eine kreiert das Gefäß, der andere den Inhalt. Diese Symbiose ergibt sich auf ganz natürliche Weise! Wenn mich ein Chefkoch kontaktiert, möchte ich mich erstmal mit ihm austauschen, um ihn kennenzulernen und zu verstehen. Wir wählen zusammen die Farbe des Tons und vor allem die Textur aus, die die Grundlage meiner Arbeit bildet. Dann sprechen wir über die Form (tief, flach, rund, oval, organische Form...), die auf den „Inhalt“ abgestimmt wird. Schließlich wird über die Verarbeitung entschieden: das Brennen, die Glasur. Ich verwende nur sehr wenige Farben, meist weiß oder transparent, damit der Ton sichtbar bleibt. Der magische Moment tritt ein, wenn die Teller dann im Restaurant zum Einsatz kommen. Es ist, als würden sie zum Leben erwachen, sobald ihr Chefkoch sie in Händen hält.

      Welches Objekt repräsentiert Deine Arbeit am besten?

      Ganz klar die Vasen „Bouboulita", die von Frauen mit etwas rundlichen Bäuchen inspiriert sind, die einem Gemälde von Botero entspringen! Ich stelle mir diese Serie gerne als eine Gruppe von Mädchen mit all ihren Unvollkommenheiten vor, die sich auf den ersten Blick ähneln und deren starke und typische Charaktere man erst entdeckt, wenn man sie näher betrachtet. Diesen Gedanken versuche ich, anhand dieser Objekten zu vermitteln.

      Erzähl uns ein bisschen von Deinem neuen Atelier in Marseille.  Wie sieht es aus?

      Mein Atelier ist genauso, wie ich es mir vorgestellt habe. Es liegt nur wenige Schritte vom Meer entfernt und blickt auf einen Hof in einem historischen Gebäude, das mit der Hafenaktivität der Stadt Marseille verbunden ist. Für mich ist es ein sehr inspirierender Ort, in dem vor mir eine Mosaikkünstlerin gearbeitet hat. Ich wollte die Seele des Ortes bewahren; die Terrakottafliesen, das Geländer, die rosafarbene Wassernische... In der Mitte des Ateliers steht ein Tisch aus Olivesche, der von dem Architekten Dimitri Felouzis angefertigt wurde. Er ist wunderschön. Im hinteren Teil, wo ich meine neuesten Stücke ausstelle, befindet sich eine drei Meter lange Werkbank, die mein Freund Richard aus Gips hergestellt hat. Er hat mir sehr bei der Einrichtung dieses, dem künstlerischen Schaffen gewidmeten Ortes geholfen.

      Hast Du ein bestimmtes Ritual, das Deinen Alltag im Atelier bestimmt?

      Ein Album von Céline Dion einlegen, einen neuen Tonblock anschneiden und stundenlang, ohne Pause, daran arbeiten.

      Welche Rolle spielt die Recherche, die kreative Erkundung, in Deiner Arbeit?

      Was mich betrifft, ergibt sich die Recherche durch das Reisen. Ich hatte das Glück, viele Reisen unternehmen zu dürfen. Vor allem in meiner Kindheit, in der ich mit meiner Familie regelmäßig nach Südostasien reiste. Ich denke, dass sich meine Kreativität zu einem großen Teil daraus ergibt. Mexiko habe ich erst viel später kennengelernt, das war wie eine Offenbarung für mich. Vor kurzem war ich mit Memori Studio in Marokko im Rif-Gebirge. Eine Woche, wie man sie sich wünscht. Ich durfte dort lokal ansässige Töpferinnen kennenlernen, die ihr Wissen mit uns geteilt haben. Diese wenigen Tage haben mich mit vielen Inspirationen erfüllt. Dies sind für mich Momente der kreativen Erkundung.

      Für Deinen im November bei Sessùn Alma stattfindenden Workshop hast Du Dich entschieden, Kurinuki, eine japanische Handwerkstechnik, zu unterrichten. Worin besteht diese Technik?

      Kurinuki ist eine Technik, bei der durch Abtragen und Aushöhlen Gefäße oder Objekte geformt werden. Ausgangsmaterial dafür ist ein solider Tonblock. Man arbeitet obendrauf einen Fuß aus und schneidet dann die Außenseiten darum herum mit einem Faden ab, um die Form hervorzuheben. Am Ende dreht man das ausgehöhlte Objekt um, um es zum Beispiel als Teetasse, Yunomi genannt, zu verwenden. Bei dieser Technik ist alles umgekehrt. Es ist das Perfekte im Unperfekten, jedes Objekt ist einzigartig.

          Was sind Deine Inspirationen, im Bereich der Keramik, aber auch in der Kunst im Allgemeinen?

          Ich bin begeistert von den präkolumbianischen und galloromanischen Kulturen. Primitive Formen, Texturen und Techniken sind die Grundlage meiner Recherchen. Vor Kurzem habe ich mir die Dauerausstellung im Historischen Museum von Marseille angesehen und war überwältigt vom Reichtum dieses Ortes! Meine Inspirationen stammen vor allem aus dem Bereich des Handwerks und den dazugehörigen Gepflogenheiten und Fertigkeiten, die von Generation zu Generation weitergegeben werden und so die Zeit überdauern. Ich denke, dass auch die Kochkunst für mich eine wichtige Inspirationsquelle darstellt, die Rückkehr zu den Traditionen, zum kulturellen Erbe. Ich interessiere mich sehr für die Arbeit mit Holz, Metall, Leder, Glas... Ich würde diese Handwerkstechniken gerne in zukünftigen Objekten vereinen. Und dann das Licht, die Sonne, das Meer, Marseille: eine perfekte Harmonie, von der ich mich sehr stark inspirieren lasse.

          Gibt es zukünftige Projekte, die Du uns gerne ankündigen möchtest?

          Ich arbeite derzeit an zwei Kooperationen, die bis zum Ende des Jahres fertig sein sollen. Parallel dazu habe ich das Bedürfnis, zu experimentieren und all meine Ideen zum Leben zu erwecken, vor allem jetzt, wo ich einen eigenen Raum dafür habe. In den kommenden Monaten werde ich auch an größeren Objekten arbeiten, u.a. auch an Möbeln. Außerdem denken Richard und ich über eine vierhändig angefertigte Leuchtenserie nach, die hoffentlich im Laufe des Jahres 2023 herauskommen wird!

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