Begegnungen

Jeanne Tresvaux du Fraval

Freitag 26 Mai 2023

FOTOGRAFIEN : Julia Velázquez Charro - Florian Touzet


Jeanne Tresvaux du Fraval, die eine doppelte Ausbildung als Designerin und bildende Künstlerin absolviert hat, lässt sich von der materiellen Welt unserer Gesellschaft inspirieren, um ihre Werke zu erdenken und umzusetzen: Objekte, Kleidung, Installationen und Szenografien... 

Sie verbindet natürliche Materialien und Farben, um Erinnerungen, Gerüche und Berührungen wachzurufen. 2018 gründete sie gemeinsam mit ihrer Schwester Louise das in der Bretagne ansässige Modelabel Studio de Lostanges.

Für Sessùn Alma hat Jeanne eine auf sanften Farben basierende Szenographie entworfen, die ab dem 25. Mai bewundert werden kann. Begegnung mit einer multidisziplinären Künstlerin.

Du bist bildende Künstlerin, Designerin... Würdest Du uns etwas mehr über Deinen Werdegang erzählen?

Ich habe eine doppelte Ausbildung als Designerin und bildende Künstlerin absolviert. Nachdem ich mein Studium an der Ecole des Arts Décoratifs in Paris und an der Rietvelt Academie in Amsterdam abgeschlossen hatte, erhielt ich bei Hermès eine weiterführende Ausbildung. 

Meine plastische Forschungsarbeit habe ich anschließend durch Aufenthalte in verschiedenen Künstlerresidenzen fortgesetzt: Domaine de Boisbuchet, Domaine de Keravel, Abbaye de Maubuisson, Villa Belleville. 

Letztes Jahr hatte ich Gelegenheit, an der von der Villa Noailles ausgerichteten Design Parade in Toulon teilzunehmen. Dafür erstellte ich einen modularen, der Siesta gewidmeten Innenraum.  

Heute arbeite ich gleichzeitig an Installationen, Bühnenbildern, Objekten und Kleidungsstücken.

Du greifst für jede Deiner Installationen auf verschiedene Medien zurück - Zeichnungen, Textilien, Keramik.... Inwiefern ist diese Pluralität für Deine Arbeit von Bedeutung?

Den Wunsch, die Grenzen zwischen den Disziplinen zu verwischen, verspürte ich schon am Anfang meines Studiums. 

Der erste Schritt ist die Zeichnung, die eine unverzichtbare Phase meiner Forschung darstellt. Ich erdenke meine Stücke, indem ich Gegenstände dekonstruiere. Die Materialien und Techniken, die ich verwende, ergeben sich letztlich als offensichtliche Folge der Formen.

Die Verbindung von Materialien und Farben ruft Erinnerungen, Gerüche und Berührungen wach.

Würdest Du uns Dein Atelier kurz beschreiben?

Ich nehme gerade an einer Künstlerresidenz in der Villa Belleville in Paris teil. Mein Atelier ist dank seiner großflächigen Verglasung sehr hell. In diesem Raum habe ich eine lange Metallstange angebracht, an der ich meine Installationen anordne und zusammenstelle. 

Ich nutze diesen Ort, um mit Keramik, Textilien, Holz und Zeichnungen zu arbeiten. 

Dank der zentralen Lage dieses Ateliers empfange ich regelmäßig Gäste, um über zukünftige Projekte zu sprechen und um gemeinsam Kaffee zu trinken! 

Woher beziehst Du die Textilien und anderen Materialien, die Du für Deine Kreationen verwendest?

Das Rohmaterial, mit dem ich arbeite, kaufe ich hauptsächlich auf Flohmärkten, aus alten Beständen oder auf der Verkaufsplattform leboncoin. 

Ich liebe alte Materialien, hochwertige, schwere Textilien, Altholz und vergilbtes Papier. Das Material stellt eine echte Einschränkung dar, die die Grenzen der Formen bestimmt. Ich arbeite mit natürlichen Materialien wie Leinen, Bienenwachs, Ton, Papier... Dies in erster Linie aus ökologischen Gründen, aber auch, um den Formen, Gefühlen und Gerüchen, die die Materialien hervorrufen, mehr Platz einzuräumen. 

Du setzt in Deinen Kollektionen auf eine gewisse formale und visuelle Vielfalt. Was sind Deine Inspirationsquellen dafür?

Ich schöpfe meine Inspiration aus der rein materiellen Welt unserer Gesellschaft. Aus der Fülle an Gegenständen, Formen und Farben hat sich eine echte visuelle Sprache entwickelt. 

Ich lasse mich von Alltagsgegenständen und gebräuchlichen Formen inspirieren, ebenso wie von Tipps und Tricks zur Gestaltung unseres Privatbereichs.
Ich habe eine besondere Vorliebe für Lagerungs- und Archivierungssysteme sowie für Werkzeuge. Das sind rein funktionelle Formen.

Deine Installationen befassen sich mit gesellschaftlichen Themen wie Umwelt, Lagerung, Konsum, Komfort... Welche Botschaft sollen sie vermitteln?

Ich häufe Formen an, stelle Sets zusammen, entwerfe Kollektionen. Einige Stücke beziehe ich auch, um ihnen eine bestimmte Form zu geben und ihre Funktion vergessen zu lassen. Die große Fülle an Formen, Materialien und Farben ermöglicht es mir, die materielle Welt, die mich umgibt, zu hinterfragen. Die Konsumgesellschaft, in der wir leben, zwingt mich dazu, meine Umgebung und meine Bedürfnisse zu überdenken und neu zu definieren.

Welches Deiner Werke verkörpert Dein Universum am besten?

Vielleicht meine Zusammenstellungen von Objekten oder meine Aufhängesysteme. Ich baue ganz systematisch immer ein Aufhängesystem in die Werke ein, die ich mir ausdenke. Ob aus Textil, Papier, Keramik oder Metall, es ist das am häufigsten wiederkehrende Element in meinen Installationen.

Würdest Du uns etwas mehr über Studio de Lostanges erzählen, das Du zusammen mit Deiner Schwester Louise gegründet hast?

Studio de Lostanges ist ein in der Bretagne ansässiges Modelabel. Wir entwerfen jedes Jahr eine Kollektion zeitloser Kleidung, die in lokalen Manufakturen gefertigt wird. 

Alle Kleidungsstücke sind von Berufskleidung und der Geschichte der Bretagne inspiriert. Wir stellen uns eine modulare Garderobe aus natürlichen Materialien vor, die sich gleichzeitig den Morphologien anpasst und mit der Zeit geht.   

Studio de Lostanges steht für den Wunsch, nachhaltige Kleidung herzustellen, die sowohl die Natur als auch das lokale Savoir-faire respektiert. 

Du hast an rund zehn Ausstellungen in Frankreich und im Ausland teilgenommen. Erzähl uns etwas über ein Projekt, das Dich dabei besonders beeindruckt hat.

Vor einigen Jahren verbrachte ich einen Aufenthalt in der Künstlerresidenz in der Domaine de Boisbuchet in Frankreich. Ich habe mich dabei mit dem autarkem Leben beschäftigt und über die dafür notwendigen Gegenstände nachgedacht. Alle Gegenstände wurden aus in der Natur gefundenen Materialien angefertigt. Diese Recherche hat mich dazu angeregt, unsere Bedürfnisse zu überdenken.

Was verbindest Du mit Sessùn?

Eine sonnige und bohèmeartige Energie! Die Mischung aus Materialien, Farben und verschiedensten Angeboten sowie das Mittelmeer und seine Umgebung inspirieren mich.

Wie kamst Du auf die Szenographie für Sessùn Alma?

Ich habe mir dafür einen erholsamen und gemütlichen Raum vorgestellt. Die großflächigen Textilien in warmen und leuchtenden Farben schaffen den nötigen immersiven Rahmen. Die Elemente sind verhüllt, verpackt und geschützt, um die Betrachterinnen und Betrachter zu einem luftigen und zugleich sensiblen Flanieren einzuladen.

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