Nette Begegnungen

Annabelle Jouot

Montag 6 Juni 2022

Photograhies : FLORIAN TOUZET

Annabelle Jouots Liebe zur Textilkunst entstand in Barcelona, wo sie einen monumentalen Wandteppich von Joan Miró sah. Nach einer ersten beruflichen Karriere als Designerin und Moderedakteurin, die es ihr ermöglichte, ihren künstlerischen Blick zu schulen und ihre eigene, atypische Bilderwelt zu entwickeln, begann sie mit der Schaffung von Textilarbeiten in einem gleichsam rohen und ursprünglichen Stil. Begegnung mit einer einzigartigen Künstlerin, die Wolle in Wandkunst verwandelt.

Moderedakteurin, Stylistin und nun Textilkünstlerin... Könntest Du uns ein bisschen mehr über diesen außergewöhnlichen kreativen Werdegang erzählen?
Ich habe im Jahr 2000 begonnen in meinem Beruf als Moderedakteurin und Stylistin zu arbeiten. Das war eine sehr anregende, freie und kreative Phase. Ich hatte viel Spaß! 2008 erlebte ich während einer Reise nach Barcelona beim Anblick eines monumentalen Wandteppichs von Joan Miró eine ästhetische Offenbarung. Daraufhin begann ich, mich für Textilkunst zu interessieren und entdeckte bedeutende Künstlerinnen, wie Sheila Hicks, Jagoda Buić, Magdalena Abakanowicz, Anni Albers und Aurélia Muñoz. Fortan war ich nur noch von einem einzigen Gedanken beseelt: selbst textile Kunstwerke zu schaffen!
Welche Brücken lassen sich zwischen Deinem Beruf als Designerin und der Textilgestaltung spannen?
Die Textilgestaltung ist dem Styling nicht unähnlich, denn ich kann meine Bilderwelt, mein Wissen über Kompositionen, Motive und Zeichen anwenden. Die Gestaltung eines Wandteppichs dagegen ist eine lange, einsame Arbeit, ganz im Gegensatz zum hektischen Getriebe eines Modeshootings, bei dem an einem Tag bis zu zwanzig Bilder produziert werden. Ich wollte mich auch von menschlichen Darstellungen entfernen, um mich der Suche nach formaleren und abstrakteren Ausdrucksformen zu widmen. Der Arbeit mit der reinen Formsprache.
Kleidung steht für Dich als Stylistin und Redakteurin im Mittelpunkt Deiner Arbeit. Könntest Du uns etwas über Deine Beziehung zu Mode erzählen?
Ich habe eine sehr spezielle Beziehung zu Mode, denn obwohl Kleidung gewissermaßen das Herzstück meiner Arbeit ist, begeistert sie mich nicht wirklich - für eine Stylistin eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit! Ich interessiere mich eher für die Schaffung starker Modebilder und nicht so sehr für die Schaffung der Kleidungsstücke selbst. Ich selbst habe mich auch nie an Modetrends orientiert und trage seit meiner Teenagerzeit ausschließlich Vintage-Kleidung. Als ich anfing, mein eigenes Geld zu verdienen, habe ich mir viele teure Vintage-Stücke gekauft, so dass ich heute eine große Sammlung von Saint Laurent Rive Gauche-Stücken aus den Jahren 1976 (mein Geburtsjahr) und 1977, die ich im Laufe der letzten 20 Jahren hier und dort aufgestöbert habe, besitze.
Bei Sessùn lassen wir uns oft von Farbpaletten, Gemälden und alten Fotografien inspirieren, wenn wir neue Kollektionen entwerfen. Und wie sieht Dein kreativer Schaffensprozess aus?
Ich habe immer eine sehr genaue Vorstellung von dem Werk, das ich schaffen will, und zwar schon, bevor ich mit der eigentlichen Arbeit beginne. Im Laufe des Schaffensprozesses kann sich diese Idee weiterentwickeln, da ich mich von der Beschaffenheit des Materials leiten lasse. Mein Material ist unregelmäßige, rohe und wilde Wolle. Ich mag keine geraden Linien und eckigen Formen. Ich möchte, dass man in meinen Wandteppichen die Spuren der menschlichen Hand erkennen kann, ich möchte, dass man sieht, dass dies eine Maschine nicht hätte anfertigen können. Ich schaffe primitive, rohe, undisziplinierte, ungezähmte Kunstwerke. Ich liebe das Unvollkommene über alles.
Was inspiriert Dich im Alltag?
Die meiste Inspiration bekomme ich, während ich etwas tue und kreativ bin. Ich habe zahlreiche weitere Inspirationsquellen, wie die frühen Wandteppiche von Sheila Hicks (mein Lieblingsteppich heißt „Marama Minu", ein winziger 24 x 13 cm großer Wandteppich aus Wolle und Baumwolle, der 1961 in Mexiko entstand), die Skulpturen von Louise Bourgeois, die Kamine von Valentine Schlegel, die Flachreliefs von Fernand Léger, die Ranch von Georgia O'Keeffe, die Mobiles von Calder, die Keramiken von Picasso, die Villa Medici in Rom, die von Cocteau gemalte Villa Santo Sospir in Saint-Jean-Cap-Ferrat, das Haus von Salvador Dalí in Portlligat, der Geruch meiner Kinder, der Geruch von Bernstein und der des Meeres, das Geräusch des Windes in den Schirmpinien, das Licht des Mittelmeers und der Lärm Italiens.
Würdest Du uns verraten, welche Künstler und Werke Dich momentan am meisten begeistern?
Zwei Ausstellungen, die ich gerade gesehen und die mir sehr gut gefallen haben sind „Compost", eine Soloshow der Künstlerin Isa Melsheimer im Mamac (atemberaubend), und „Charles Ray" im Centre Pompidou (außergewöhnlich). Außerdem würde ich auch die Keramiken von Frédérick Gautier (umwerfend), die Performance-Installationen von Théo Mercier (unglaublich), die Skulpturen von Harley Weir (verrückt), die Stehlampen Modulation von Axel Chay (strahlend), die Gemälde von Beni Bischof (bezaubernd), die Flachreliefs von Olivia Cognet (prächtig) und „Do You Feel 9?“, das neue Album von Julien Ribot (gewaltig), dazuzählen.
Mit welchem Künstler würdest Du gerne zusammenarbeiten?
Ich würde gern mit dem Keramikkünstler Frédérick Gautier zusammenarbeiten, um seine Betonarbeiten mit meiner Wollkunst zu konfrontieren. Ich träume auch gern von einer Kooperation mit Kunstgalerien, wie der Bedford Gallery in Kalifornien oder The Fibery in Paris. Und natürlich bin ich offen für Begegnungen, Aufeinandertreffen und die Überraschungen, die das Leben bereithält!
Wie würdest Du den Geist von Sessùn beschreiben?
Ein wunderbares Modehaus! Eine umweltbewusste Marke, die ihrer Zeit voraus war, eine Leidenschaft für Handwerkskunst, Savoir-faire und Materialien und eine ziemlich eindeutige Vorliebe für das Mittelmeer.
Gibt es andere Pläne, die Du uns gern mitteilen würdest?
Drei meiner Werke sind gerade auf dem Weg nach Griechenland, wo sie in der Galerie Taxidi auf der Insel Tinos ausgestellt werden. Außerdem beginne ich eine Zusammenarbeit mit der Kunstberaterin Bianca D'Ippolito, die sich darum kümmern wird, meine Arbeit bekannt zu machen und meine Werke an Kunstinteressierte zwischen Paris und Mailand zu verkaufen.

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